• 1. Vestischer Pflegefachtag
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1. Vestischer Pflegefachtag unter dem Motto „Der demente Patient“ lud zu Austausch und Kommunikation ein

Franz Müntefering sprach im Knappschaftskrankenhaus über das Tabu-Thema

Millionen Menschen leiden weltweit an einer Demenz. In Deutschland sind es etwa 1,4 Millionen Menschen – mit steigender Tendenz. So leidet zwischen 65 und 69 Jahren jeder Zwanzigste an dieser Erkrankung, zwischen 80 und 90 Jahren fast jeder Dritte. Experten rechnen mit einem Anstieg auf 2,5 Millionen Betroffene bis 2030, denn der demographische Wandel unserer Gesellschaft zeigt eine immer älter werdende Bevölkerung.

Patienten mit Demenz benötigen eine erhöhte Zuwendung und Aufmerksamkeit. Die daraus resultierenden Betreuungs- und Pflegesituationen sind komplex, anspruchsvoll und erfordern bereichsübergreifendes Denken und – vor allem – gemeinsames Handeln.
Die besondere Herausforderung für Kliniken der Schwerpunktversorgung liegt darin, demente Patienten und deren Angehörige innerhalb der pflegerischen und ärztlichen Versorgung optimal zu begleiten. Hierzu sind Aufklärung, Verständnis und Qualifizierung in dem breit gefächerten Krankheitsbild notwendig. In diesem Kontext ist auch die Schnittstellenarbeit zwischen Klinik und Einrichtungen des Gesundheitssystems von großer Bedeutung.

Aus diesem Grund lud die Pflegedirektion der Klinikum Vest GmbH zu einem Austausch im Rahmen des 1. Vestischen Pflegefachtages unter dem Motto „Der demente Patient“ in das Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen ein, zu dem neben erstklassigen Referenten rund 200 Pflegekräfte aus ganz Deutschland kamen.

Zur großen Freude aller Beteiligten kam auch Franz Müntefering, ehemaliger Bundesvorsitzender, -minister, Generalsekretär und Bundestagsabgeordneter, zum Pflegefachtag in das Knappschaftskrankenhaus und sprach in seiner Rolle als Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisation BAGSO über das Leben mit Demenz. Auf seiner Website schreibt Müntefering „Wer die Herausforderungen der Zeit nicht sieht oder ignoriert, gefährdet die Errungenschaften und den Fortschritt, der mühsam erkämpft wurde“. Als Antwort auf die Frage, wie unsere Gesellschaft im Wandel ihren sozialen Kern behalten kann, empfiehlt der frühere SPD-Chef: „ein lebenswertes Leben ein Leben lang organisieren“. Diesen Anspruch verdeutlichte Müntefering auch in seinem Vortrag im Klinikum Vest, indem er auf die Herausforderungen der alternden Gesellschaft einging. „Besonders wichtig: ganz früh klären, ob eine Demenz besteht. Klare Diagnosen sind das A und O. Wir müssen das Krankheitsbild besser in den Griff bekommen und gemeinsam darauf drängen, dass das Thema weiter erforscht wird, denn Menschen behalten ihre Würde, auch wenn das Gehirn nicht mehr so funktioniert wie früher“, so der einstige Vizekanzler. Die Demenzerkrankung geht oftmals mit starken Depressionen und einer dramatischen Vereinsamung einher. Müntefering rät daher: „Man muss diesen Patienten helfen, die Freude am Leben nicht zu verlieren“. In diesem Zusammenhang nannte Müntefering „drei L´s: Laufen, Lernen, Lachen“, die beschreiben sollen, wie wichtig die Förderung demenzerkrankter Patienten ist.

Dr. Ludger Springob, Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Geriatrische Früh-Rehabilitation im Klinikum Vest erläuterte in seinem Fachvortrag Diagnose- und Therapiemöglichkeiten der zahlreichen verschiedenen Formen und Mischformen der Demenz. Neben den Fakten aus medizinischer Sicht gab der Marler Geriater den Teilnehmern hilfreiche Tipps für den Pflegealltag. Springob, der früher eigentlich Architekt werden wollte, machte in jungen Jahren ein Praktikum im Altenpflegeheim. Dort lernte er eine an Demenz erkrankte alte Dame kennen. Sie wollte immerzu Servietten falten, jedoch ließ man sie nicht. Springob fand heraus, dass sie früher ein Restaurant besaß und setzte sich dann dafür ein, dass sie Servietten falten durfte, wenn sie dies wollte. Denn das Serviettenfalten machte ihr Spaß und war genau das, was sie gut konnte und glücklich machte. So entstand damals bei Springob der Wunsch, alten Menschen zu helfen und sie zu fördern, weil sie oftmals einfach abgeschrieben und für „tüddelig“ erklärt werden – so wurde er Geriater. Mit dieser Geschichte verdeutlichte der Marler Chefarzt beim Vestischen Pflegefachtag, wie wichtig es gerade bei Demenzpatienten ist, diese nicht der Einfachheit halber abzuschreiben, sondern sie zu fördern, sie manchmal auch in Ruhe zu lassen, oder sie zur Bewegung anzutreiben: „Wenn sich ein dementer Patient morgens in einer stark depressiven Phase befindet und einfach nicht gewaschen werden möchte, dann wird er bei uns in der Klinik auch nicht dazu gezwungen – dann wird er eben erst am Nachmittag gewaschen, wenn er wieder besser drauf ist. Genau so wenig sage ich einer Dame die seit 55 Jahren raucht, dass sie mit dem Rauchen aufhören soll. Im Gegenteil - ich sage ihr, dass sie auf die Beine kommen soll, damit sie endlich mal wieder unten im Krankenhauspark eine Zigarette rauchen kann“.
Diese Tipps sollten verdeutlichen, dass man in der Pflege nicht immer leitliniengerecht arbeiten kann, sondern manchmal auch pragmatisch denken muss. Patienten mit Demenz benötigen eine erhöhte Zuwendung und Aufmerksamkeit. Die daraus resultierenden Betreuungs- und Pflegesituationen erfordern oftmals auch ein bereichsübergreifendes Denken und gemeinsames Handeln. In diesem Zusammenhang lobte Springob die gute Zusammenarbeit im Klinikum Vest: „Hier gibt es kein Scheuklappendenken. Die Zusammenarbeit z. B. zwischen der Neurologie und Geriatrie oder der Unfallchirurgie und Geriatrie funktioniert bei uns reibungslos“.
Am Ende seines Vortrages witzelte Springob noch, dass er sein einst architektonisches Interesse jetzt mit dem Bau der Geriatrischen Tagesklinik im Gesundheitszentrum an der Paracelsus-Klinik ausleben könne.

Ludger Risse, Vorsitzender des Pflegerates NRW und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Pflegemanagement diskutierte anhand von Auswertungen aus dem „Pflege Thermometer“ mehrerer Jahre die Fragestellung, ob man in Deutschlands Kliniken auf die Versorgung dementer Patienten vorbereitet sei. Dabei ging er insbesondere auf das bekannte Problem, die fehlende Zeit durch Personalmangel, ein. Seine zentrale Botschaft beschreibt ein Missverhältnis: „Die Pflege ist ein Verlierer im DRG-System“. Das Prinzip der DRG lautet „das Geld folgt der Leistung“. Risse kritisierte, dass genau das Gegenteil passiere. Er lobte jedoch, dass die Versorgung von Menschen mit Demenz laut Pflege Thermometer in den Pflegedirektionen deutscher Krankenhäuser immer mehr thematisiert und priorisiert werde, was die Organisation des Pflegefachtages zum Thema Demenz im Klinikum Vest bestätigt.

Berthold Böttcher, Pflegedirektor des Klinikum Vest und Organisator des Pflegefachtages moderierte zwischen den Vorträgen und nahm zu der von Risse aufgeführten Kritik zum Thema Personalmangel Stellung: „Tatsächlich leben wir in Deutschland mit einer sehr angespannten Situation, was den Personalmangel angeht. Zusätzlich muss erwähnt werden, dass in der heutigen Zeit auch bauliche Veränderungen dringend notwendig sind, um den Demenzerkrankten gerecht zu werden. Hierfür gibt es keine finanzielle Unterstützung. Die Betriebsleitung steht damit alleine da und muss zusehen, wie sie diese Entwicklungsinvestitionen selbständig leisten kann.“

Mia Feldmann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Bielefeld, erläuterte in einem weiteren Vortrag das Modellprogramm „Familiale Pflege“, das sich mit der Tatsache beschäftigt, dass die Angehörigen auch in Zukunft die Hauptverantwortlichen in Sachen Pflege bleiben.

Mit Blick auf die besonderen Bedarfe für eine angemessene Versorgungsinfrastruktur bei der häuslichen Pflege demenzerkrankter Menschen durch ihre Angehörigen, werden in diesem Modellprogramm spezielle, auf Pflege und Betreuung von Demenzerkrankten ausgerichtete Pflegekurse angeboten. Böttcher sprach seine Anerkennung für dieses Programm aus und verdeutlichte, wie wichtig und zukunftsweisend es sei, dass dieses Projekt in so vielen Krankenhäusern wie möglich umgesetzt wird.

Zahlreiche weitere Vorträge boten einen erstklassigen Austausch über das Thema des Tages. Helge Berg, Regionalleiter der AWO Westliches Westfalen sprach über die Vernetzung zwischen Pflegeheim und Akutkrankenhaus, Martina Bauer, Leiterin der Weiterbildungsstätte der Stiftung-St.-Marien-Hospital Lünen thematisierte die Wichtigkeit von Pflegeexperten für Demenz in Krankenhäusern und Beate Welsch, Pflegedirektorin der Städtischen Kliniken Mönchengladbach erläuterte die Gestaltungsmöglichkeiten im Alltag mit kognitiv eingeschränkten Patienten.

In drei Workshops zu verschiedenen Schwerpunktthemen konnten die Teilnehmer zudem ihre eigenen Erfahrungen einbringen. Unter anderem ging es um Themen wie, gut schlafen ohne chemische Keule, Musik und Demenz, Grundlagen für die Aktivierung kognitiv eingeschränkter Patienten und Tipps für den Weg zum demenzsensiblen Krankenhaus.

In lebhaften Diskussionen wurden gemeinsam Lösungsvorschläge und Ideen erarbeitet.

Demenz entspricht einer vollständig anderen Phänomenologie als die Sinnstrukturen im Krankenhaus es sind. Aus diesem Grund stellen Demenzerkrankte Menschen das System Krankenhaus und die an der Basis arbeitenden Pflegekräfte vor die Herausforderung, die Bedürfnisse nach Bindung, Beziehung und Kommunikation trotz Zeitnot gerecht zu werden. Demenzsensible Pflege geht weit über die zurzeit stattfindende pflegerische Betreuung in den Kliniken hinaus. Dies erfordert ein Umdenken und Innovationen im Krankenhaus. Der Pflegefachtag des Klinikum Vest hat die Teilnehmenden für dieses Umdenken sensibilisiert. „Gemeinsam müssen wir weiter Gestaltungsmöglichkeiten erarbeiten, die im Pflegealltag Unterstützung bieten. Die rege Teilnahme am heutigen Tag hat gezeigt, dass wir Krankenhäuser für Innovation und Veränderung offen sind“, fasste Böttcher am Ende des Tages zusammen.

Auch Peter Hutmacher, Geschäftsführer im Klinikum Vest sieht große Chancen für die Zukunft und verdeutlichte wie wichtig es ist, sich bezüglich des Themas Demenz über das eigene Verbundsystem der Knappschaft hinaus zu vernetzen und auszutauschen. Der Pflegefachtag war ein erster Schritt in diese Richtung.

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